Nachbericht: Peter Strasser: „Demokratie der unerfüllten Wünsche“
Auf dem Hintergrund der neuen antidemokratischen Entwicklungen, für die nicht zuletzt die schwindende Hoffnung verantwortlich ist, ein sinnerfülltes Leben in der Gemeinschaft zu führen, begeisterte der bekannte Philosoph und Autor Peter Strasser am 6. Oktober 2025, auf Einladung des Bildungsforums bei den Minoriten und des KULTUM, zahlreiche Interessierte im Cubus des Minoritenzentrums Graz.
„Wenn es ein Volk von Göttern gäbe, so würde es demokratisch regiert werden.“ Mit diesem Zitat Jean-Jacques Rousseaus, Wegbereiter der Französischen Revolution, leitete Kathrin Karloff, Leiterin des Bildungsforums bei den Minoriten, den spannenden Vortrags- und Gesprächsabend ein. „Rousseau war der Meinung, dass eine so vollkommene Regierungsform wie die Demokratie nicht zum Menschen passe, denn diese verlange ihren Bürger:innen und Bürgern stets Begeisterungsfähigkeit und Kritikfähigkeit ab, sie sei kein theoretisches Konstrukt, sondern müsse immer wieder neu mit Leben gefüllt werden“, so Karloff weiter.
Wie es um unsere Demokratie heute bestellt ist, inwiefern wir Rousseau teils beipflichten, aber auch klar widersprechen müssen, und was dies mit Fantasien um angeblich perfekt zu agierende, selbsternannte gottähnliche Lenkerinnen und Lenker, vor allem aber mit unseren individuell unterschiedlichen, nicht erfüllten Wünschen zu tun hat, führte Peter Strasser schließlich klar aus:
Da die Individualisierung die Beheimatung im Kollektiv nicht ersetzen und auch nicht stillen konnte, könne heute von einer solidarischen Weltgemeinschaft keine Rede mehr sein („homo homini lupus“). „Demokratien leiden heute unter einem ‚Unerfüllbarkeitssyndrom‘“, erklärte Strasser auf dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung seit 1930. Das hierdurch bereits größer gewordene Sinnvakuum werde aktuell von zahlreichen Influencer:innen und populistischen Aktivist:innen schamlos ausgenutzt.
„Was können wir dagegen tun?“, so die direkte Frage des Philosophen. „Nicht viel“, antwortete er ernüchtert und prompt, plädierte aber stark für Max Webers „Bohren dicker Bretter“. Fest stehe, dass der Ausweg aus der Gefühlslage, dass angeblich immer etwas fehle, und in einem „Hartherzigkeitsdrang“ resultiere, „auf Basis christlicher Werte mit den Parteien der sogenannten ‚Mitte‘“ gefunden werden müsse.
Auch gegen die wachsende Tendenz, dass Freude durch Negativmeldungen aufgefressen und der gesellschaftliche Missmut zu einem „Sammelbecken des Grolls“ werde, solle man sich wenden – insbesondere, um der jungen Generation eine Zukunftsperspektive zu geben. Wir dürfen uns nicht mit der fatalen Erwartung abfinden, „dass es einer globalen Apokalypse bedarf, um die Weltgemeinschaft zu mobilisieren“, so die engagierten Worte Peter Strassers.
Im anschließenden intensiven Gespräch mit Kathrin Karloff und den sich aktiv einbringenden Teilnehmer:innen ging Strasser zudem detailliert auf zahlreiche Aspekte diverser Spannungsfelder – Begegnung versus Einsamkeit, Stabilität versus Unsicherheit, Humor versus Aggressivität – ein und betonte den Wert lebendiger, stärkender Diskussionsformate wie des heutigen Abends, der bei Brot und Wein angenehm-genussvoll ausklang.
Die Veranstaltung war gefördert aus Mitteln der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB).